|
Artikel Forum Geburtsberichte Forschungsberichte |
Die Geburt meines ersten Kindes (Manja Herlt): „Ich erwachte am Morgen des 18. Mai 2004 aufgrund eines ganz zarten Plops in meinem Unterleib. Es war tatsächlich ein kleines Plop, das ich spürte. Zuerst war ich unsicher, dachte aber dann, vielleicht war das die Fruchtblase. Der Muttermund ist ja mit einem Schleimpfropf verschlossen, der sich bei Geburtsbeginn löst. Ich ging zur Toilette und tatsächlich ging etwas Fruchtwasser ab. So zog ich ein Höschen an, legte eine Vorlage ein und ging zurück in mein Bett, um noch etwas auszuruhen. Das hatte meine Hebamme mir geraten – es kann dauern, bis eine Geburt beim ersten Kind richtig losgeht, mach Dich nicht verrückt, sondern sammle Deine Kräfte. Na gut, dachte ich, sammle ich halt Kraft und warte mal ab. Das war gegen 6.00 Uhr in der Früh. Ich war jedoch hellwach, an ein Wiedereinschlafen war nicht zu denken. Also stand ich auf und machte Frühstück. Währenddessen fingen die Wehen an. Ganz behutsam: zusammenziehen – – wieder lösen – – zusammenziehen – – wieder lösen. Gegen 7.00 Uhr rief ich meine Hebamme an und teilte ihr mit, dass die Fruchtblase geplatzt, aber noch alles recht ruhig sei. Ich solle später mal im Geburtshaus vorbeikommen, meinte sie. Gegen 8.00 Uhr weckte ich dann meinen Mann und teilte ihm mit, dass er heute nicht ins Büro zu gehen bräuchte. Seinen Urlaub hatte er mit einem flexiblen Anfangsdatum vereinbart. Er war ebenfalls sofort hellwach und dachte aufgeregt, er hätte schon alles verpasst. Doch erstmal frühstückten wir in Ruhe. Gegen 9.00 Uhr wollten wir uns auf den Weg zum Geburtshaus machen für eine manuelle Untersuchung. Ich wollte zu Fuß gehen, um die Wehen anzutreiben. Doch noch während des Schuheanziehens wurden die Wehen plötzlich so stark, dass ich meinem Mann sagte, ich würde nirgendwo mehr hingehen. Gegen 9.45 Uhr kam die Hebamme zu einem ersten Besuch und untersuchte kurz den Öffnungsstand des Muttermundes – bis dahin 3 cm. Ihre Reaktion daraufhin war: Sie hätte noch eine Wöchnerin in unserer Strasse zu betreuen und würde eben nach ihr sehen und später wiederkommen. Daraufhin ging sie wieder. Die Eröffnungswehen wurden immer stärker. Ich hatte mich auf unsere aufgeklappte Couch im Wohnzimmer begeben und wechselte dort von der Seitenlage in den Vierfüßlerstand und zurück. Es war sehr angenehm, im Vierfüßlerstand das Becken zu kreisen – das tat ich ganz automatisch, ohne darüber nachzudenken. Mein Mann erzählte mir später, dass ich manchmal ausgesehen hätte wie eine kalbende Antilope. Die Beckenkreise entspannten die Muskulatur im Bauch und im Rücken. Die Schmerzen konnte ich mit einer sehr tiefen, langsamen Bauchatmung gut aushalten. Ich atmete ganz bewusst in den Schmerz und versuchte, nicht in eine flache Brustatmung zu verfallen. Das kannte ich vom Stretching – immer in den Schmerz hinein, nichts versuchen zurückzuhalten. Zwischen den einzelnen Wehen fühlte ich mich benommen und fiel mitunter in einen kurzen Schlaf. Sobald die nächste Wehe einsetzte, war meine Konzentration sofort wieder präsent, ließ die Wehe nach, schlummerte ich weich ein. Mein Mann saß in der Nähe und beobachtete mich ruhig. Gegen 10.30 Uhr setzten unerwartet plötzlich die ersten Presswehen ein. Diese unwillkürliche Kraft riss mich aus meinem Pausenschlummer und überkam mich regelrecht als ungeahnte Wucht. Es kamen keine stärkeren Schmerzen als zuvor, eher im Gegenteil ließen die ziehenden Schmerzen nach. Aber die nunmehr gemeinsamen Kontraktionen von Gebärmutter und der gesamten Bauch- und Stützmuskulatur schoben mit aller Kraft nach unten, nach außen. Mir wurde bewusst, dass ich aus bloßer Willenskraft die Muskeln nicht so stark hätte anspannen können. Mit dieser Wucht kam zum ersten (und einzigen) Mal Angst. Ich fühlte mich ausgeliefert und bat meinen Mann mir sofort das Telefon zu reichen. Ich rief meine Hebamme an und brauchte nichts zu sagen. Sie nahm ab und sagte nur: Ich komme. Innerhalb von zehn Minuten war sie wieder in unserer Wohnung. Nach kurzer Untersuchung stellte sie überrascht fest, dass mein Muttermund nun 9 cm weit auf war. Ich bat sie, jetzt nicht mehr fort zu gehen, was sie lächelnd versprach. Daraufhin packte sie gelassen ihren Hebammenkoffer aus, sie hatte alles mitgebracht – auch viele Einwegunterlagen für einen reibungslosen und sauberen Ablauf. Anschließend nahm sie zu meinen Füßen Platz und beobachtete mich ebenfalls. Ich kam mir weder von meinem Mann, noch von meiner Hebamme angestarrt vor. Ihre Blicke hatten nichts Voyeuristisches, sondern vielmehr etwas Behütendes. Das war angenehm. Gelegentlich kontrollierte unsere Hebamme die Herztöne und sagte stets, alles in Ordnung. Das motivierte mich, dabei zu bleiben. Sie gab mir den Hinweis, aus der Seitenlage mal auf die andere Seite zu wechseln, weil das Köpfchen etwas schief auf den Beckenrand stieß, statt mittig in den Geburtskanal zu gleiten. Mir war nicht mehr nach Bewegen zumute, aber ich versuchte es und nach zwei Wehen auf der anderen Seite war das Köpfchen zielsicher unterwegs nach draußen. Ich konnte das Drängen und Schieben des Körpers deutlich in mir spüren. Das war ein tolles Gefühl – zu spüren, dass dieses kleine Baby ganz kräftig mitarbeitet und lebendig ist. Es dauerte nur wenige Wehen, dann waren bereits seine Haare zwischen den Schamlippen zu spüren. Mittlerweile war eine zweite Hebamme eingetroffen. Sie war durch unsere Hebamme angerufen worden. Für die Austreibungsphase eine Unterstützung herbeizurufen, war verabredet und gehörte zur Arbeitsweise unserer Hebamme. Wir hatten nichts dagegen, schließlich war es ja unsere erste Hausgeburt. Die zweite Hebamme versuchte, mir ihren Arm zum Halt anzubieten, was ich etwas ungehalten ablehnte. Ich erschrak selbst über meine heftige Abwehr, wollte die Frau mir doch ihre Kraft anbieten. Aber ich mag nicht angefasst werden, wenn ich Schmerzen habe, da benötige ich alle Konzentration für meinen Atem und das Erspüren der Abläufe in meinem Körper. Unsere Hebamme riet mir, das Baby in einer Hockposition mit Unterstützung durch meinen Mann auszutreiben. Diese Stellung empfand ich jedoch als äußerst unbequem. Ich konnte mich so nur hängen lassen und hatte selbst kaum mehr Kontrolle über meinen Körper. Also stellte ich mich hin, und mein Mann nahm mich in die Arme. Die Hebamme drückte in dieser Position eine Binde auf meine Scham und meinen Damm, die mit heißem, starkem Kaffee getränkt war. Den Kaffee hatten wir extra zuvor eingekauft. Die warme Binde war sehr angenehm auf dem gedehnten Gewebe. Eine heftige Presswehe kam und das Köpfchen steckte zwischen meinen Schamlippen. Das war also der tatsächliche Schmerzhöhepunkt dieser Geburt. Ich glaubte, jeden Moment müsse mein Gewebe nachgeben und reißen. Zuerst presste ich, um diesen enormen Druck und Dehnschmerz schnell loszuwerden. Doch dann spürte ich, dass ich ganz sicher reißen würde, wenn ich weiter mitpresste. Also hechelte ich und hielt mich zurück. Die stoßweise Atmung machte den Schmerz erträglicher. Weitere zwei Wehen später, um 11.54 Uhr, war unser Sohn geboren. Er glitt so leicht und schnell heraus, dass mein Kreislauf direkt hinterher rutschte. Mit seinem Körper kam auch der größte Teil des Fruchtwassers heraus. Zuvor hatte sein Köpfchen den Ausgang völlig eingenommen und die Flüssigkeit zurückgehalten. Unsere Hebamme rief meinem Mann zu, dass er schnell sein T-Shirt ausziehen solle. Auf sein verwirrtes Gesicht hin erklärte sie: Wir sind noch nicht fertig und Du musst jetzt Dein Baby wärmen, nimm den Kleinen auf den Bauch. Es dauerte keine zwei Minuten, ich hatte mich etwas schwindelig gerade hingesetzt, da kam innerhalb von zwei weiteren, nicht mehr so heftigen Wehen die Plazenta heraus. Meine Hebamme untersuchte sie kurz auf Vollständigkeit und hielt sie uns dann hin. Ich war überrascht, hatte ein eher leberähnliches, dunkles Stück Fleisch erwartet. Aber die Plazenta sah ganz rein und rosig aus. Nun nahm ich auch endlich meinen Sohn auf den Bauch. Er war ganz munter, hatte dunkle Haare und schaute mich an. Nachdem wir dieses Wunder ausgiebig bestaunt und liebkost hatten, erinnerte die Hebamme uns an die Nabelschnur. Sie setzte eine Klemme und mein Mann trennte mit einer Schere oberhalb der Klemme die Nabelschnur von unserem Sohn. Erst danach wurde der Kleine kurz gewogen sowie seine Länge und sein Kopfumfang gemessen. Dabei habe ich ihn selbst gehalten. Anschließend untersuchte sie mich. Der Damm war völlig intakt, lediglich ein paar kleine Labienrisse waren aufgetreten, die nicht genäht zu werden brauchten. Das erleichterte mich sehr. Ein Nähen hätte ich als sehr lästig empfunden an dem gerade erst so beanspruchten Gewebe. Die zweite Hebamme hatte in der Zwischenzeit sehr diskret die mit Fruchtwasser vollgesogenen Unterlagen aufgeräumt und verabschiedete sich jetzt. Unser Wohnzimmer sah aus wie immer, nicht als ob gerade etwas Besonderes stattgefunden hätte. Unsere Hebamme erklärte mir, wie ich den Kleinen am besten zum Stillen halte, damit er meine Brustwarzen gut zu fassen bekommt. Er trank direkt los, und ich staunte, welch kräftigen Zug so ein zartes Baby hat. Nach der ersten Mahlzeit empfahl unsere Hebamme ein kurzes Bad für mich. Sie meinte augenzwinkernd, es seien ja alles bekannte Keime in meiner eigenen Wanne, nicht so wie in einem Krankenhaus. Während ich kurz badete, zogen mein Mann und unsere Hebamme den Kleinen an. Wir kuschelten uns zusammen und aßen gemeinsam zu Mittag. Dann schliefen der Kleine und ich Arm in Arm ein.“ |
Hier könnt Ihr Geburtsberichte verschiedener Frauen nachlesen oder auch Euren eigenen einsenden. Ich möchte sowohl Erinnerungen an schöne als auch schwierige Momente hier veröffentlichen, sowohl Berichte von Haus- als auch Klinikgeburten. Je mehr Informationen wir miteinander austauschen, desto objektiver kann jede von uns etwaige Risiken beurteilen. In einzelnen Fällen behalte ich mir vor einen redaktionellen Kommentar anzufügen, eine Kürzung oder Umformulierung eingereichter Berichte findet nicht statt.
weitere Berichte: Erinnerungen an die Geburt des dritten Kindes zu Hause (Mira Koller)
|
|
![]() |
|||